Leseprobe Der Berater

ISBN 978-3695187188

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Kabul, 02. Januar 2022

Ich stehe in einer halbverfallenen Hütte, ein wenig außerhalb von Kabul. Mein Blick fällt auf den Mann in meinen Händen, den ich behutsam auf den steinigen Naturboden gleiten lasse. Er ist leicht wie eine Feder, gezeichnet von Misshandlung. Abgemagert durch den Nahrungsentzug, den sie einsetzten um ihn für seinen Verrat zu bestrafen. In mir ist diese undefinierbare Wut. Dieses beschämende Gefühl, dass wir ihn und auch all die anderen Ortskräfte schändlich verraten haben. Baris war einer von ihnen. Er leistete unserem Land wertvolle Dienste. War nicht nur unser Dolmetscher sondern bewahrte uns mit seinem Insiderwissen auch vor schwerwiegenden Fehlern. Er tat es, ohne dabei an seine eigene Sicherheit zu denken. Bei unserem überstürzten Rückzug aus Kabul, überließen wir ihn einfach seinem Schicksal. Und das obwohl der BND und auch die oberste Spitze der Bundeswehr bereits seit Anfang Juli 2020 über gesicherte Informationen verfügten, dass sich die USA im September 2021 vorzeitig aus Afghanistan zurückziehen würde. Geheimdienstliche Erkenntnisse, die umgehend mit den zuständigen Ministerien geteilt wurden. Doch nichts geschah. Als der von der Regierung als unwahrscheinlich eingestufte Rückzug der USA im puren Chaos versank, brachen sie ihr Versprechen. Die verbindliche Zusage alle für die Bundeswehr tätigen Ortskräfte nach Deutschland zu evakuieren, sollte unser Heer ihr Land verlassen und sich zurückziehen. Leere Worte, die auch Burger viel zu leichtgläubig aussprach. Auch er vertraute darauf, dass unser Land diese Menschen im „Worst Case“ mit einem Ticket in die Freiheit belohnen würde. Acht Monate später erreichte ihn auf verworrenen Wegen Aylas Hilferuf. Sie bat ihn, der alten Freundschaft willen, ihren Mann aus den Händen der Taliban zu retten. Sie schrieb von einer menschenverachtenden Unterbringung und grausamen Misshandlungen. Dass er an einer schweren Lungenentzündung leide und zu verhungern drohe. Im Laufe der Jahre entwickelte sich aus der anfänglichen Zweckgemeinschaft eine Freundschaft und Burger besuchte die Familie bei jedem seiner Einsätze. Genoss ihre Gastfreundschaft und lernte bei grünem Tee das in Kabul gesprochene Dari. Gleich nach Erhalt der Nachricht kontaktierte er das Außenministerium und versuchte die Ausreise von Familie Jaffri zu organisieren. Und obwohl er zur obersten Riege des Nachrichtendienstes zählt, und seine Bitte mit Nachdruck vorbrachte, stellte er bald ernüchtert fest, dass sich niemand dafür zuständig fühlte. Galt der Einsatz nach dem blamablen Rückzug doch längst als abgeschlossen. Da von offizieller Seite keine Hilfe zu erwarten war, entschied er eine private Rettungsaktion durchzuführen. Obwohl er sich des Risikos bewusst war, war er nicht bereit zur Tagesordnung überzugehen und den verzweifelten Hilferuf zu ignorieren. Doch nun saß er nach einem Wintersturm in New York fest und bat mich händeringend um Hilfe. Burger ist für mich mehr als ein Personenschützer, er ist mein Freund. War in meiner Jugend mein Schutzengel und gehört zum engsten Kreis meiner Vertrauten. Deshalb zögerte ich auch nicht lange und buchte den nächstbesten Flug nach Afghanistan. Baris Stöhnen reißt mich aus den Gedanken, befördert mich in die Gegenwart zurück. Ich gehe in die Hocke. Wühle im ausgebeulten Rucksack und finde schnell was ich suche. Drücke eine Schmerztablette aus dem Blister und greife nach der Wasserflasche. „Nimm und trink!“, fordere ich ihn auf. Meine Worte klingen teilnahmslos, in ihnen schwingt der für Verhandlungen antrainierte unverbindliche Ton mit. „Sie wirkt schnell, es wird ihnen gleich besser gehen.“, füge ich deshalb rasch mitfühlend hinzu. Eine glatte Lüge, die er durchschaut. Trotzdem greifen seine bebenden Hände nach beidem. Er zittert. Ist so schwach, dass er es nicht schafft die Plastikflasche an den Mund zu führen, also greife ich helfend ein. Unsere Augen treffen sich dabei, kommen sich ganz nahe. Ich kann seinem Blick nicht standzuhalten, zu tief sitzt auch bei mir die Scham. „Es ist nicht ihre Schuld!“, sagt er leise, um mir meine Befangenheit zu nehmen. „Sie waren ja in keine der Entscheidungen involviert.“ Ich schlucke heftig. Räuspere mich mehrmals, um meiner Stimme eine gewisse Festigkeit zu verleihen. „Als Deutscher Staatsbürger ist es in gewissem Sinn auch die Meine.“, sage ich. „Es ist, wie es ist!“, erwidert er lapidar. „Ich war nie mehr, als ein Bauern auf einem Schachbrett. Die Regierungen taktieren, versuchen sich einen Vorteil zu verschaffen. Und wenn es in ihren Augen erforderlich ist, opfern sie uns ohne zu zögern.“ Ich antworte nicht. In seinen Worten liegt die Weisheit eines Sterbenden. Seine Hand greift nach mir, zieht mich an sich. „Sie werden ihr Versprechen doch halten? Sie bringen Ayla und Banu doch in Sicherheit?“, fragt er und seine Augen flackern unruhig. Er hustet, ringt nach Atem. Die Stimme dumpf, voller Blut, das den Mund verlässt und wie ein Wildbach über das bärtige Kinn läuft. Ich ignoriere es. Greife in die Innentasche meiner dünnen Jacke und ziehe drei Pässe heraus. „Es ist alles vorbereitet. Ihre Frau und ihre Tochter warten schon seit 2 Tagen in der Nähe des Flughafens auf uns. Es war nur etwas schwieriger als erwartet sie aus den Händen der Taliban freizukaufen. Doch jetzt startet ihr in ein neues Leben.“

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